Colos-Saal surreal: ab September wieder Konzerte.

Aschaffenburg, 16. September 2020

Das Wichtigste vorweg: Im September wird es bei uns noch weitere 4 Livekonzerte geben, 3 davon mit zwei Vorstellungen, im Oktober 9 Konzerte, davon bislang 6 mit Doppelshows, so Corona und die Politik es wollen. Dabei werden viele von Euch den Colos-Saal kaum wiedererkennen, denn wir werden ausschließlich Sitzgruppen in weiträumiger Bistrobestuhlung (paarweise bis hin zur Zehnergruppe) mit den gebotenen Mindestabständen anbieten. Seit Ende Juli liegt uns nämlich endlich eine Genehmigung vor, wonach wir (derzeit) Konzerte bis maximal 100 Personen unter heftigen Auflagen veranstalten dürfen. Daher wird auch einiges anders laufen, als es unsere Besucher bisher gewohnt waren, insbesondere die Kartenvergabe wird nicht so einfach für Euch.

Wir werden die September- und Oktober-Karten, auch die vom neuangesetzten November- und Dezemberprogramm ab sofort ausschließlich über unser Reservierungssystem hier auf colos-saal.de bzw. den einzelnen Seiten der Künstler vergeben, wobei Kartenwünsche von Einzelpersonen nicht berücksichtigt werden können. Die Ausnahmen: bereits gekaufte Karten für diese Veranstaltungen behalten uneingeschränkt ihre Gültigkeit, bereits bestehende Reservierungen im Prinzip auch. Aber mit Leuten, die Einzelreservierungen getätigt haben, nehmen wir nochmal Kontakt auf und müssen sie überreden, mindestens einen Tischnachbarn mitzubringen.

Warum läuft die Vergabe anders als gewohnt? Die Gesetzeslage erlaubt uns, Gruppen bis maximal 10 Personen ohne Mindestabstände beieinander sitzen zu lassen. Nur wenn wir möglichst viele Gruppen ab vier bis maximal zehn Personen anwesend haben, können wir überhaupt die 100 Plätze besetzen. Tricksen ist unsererseits tabu. Kämen beipielsweise nur Paare bzw. Zweiergruppen, könnten wir höchstens 60 Personen für das Konzert zulassen, wie unsere Messungen im Raum ergeben haben. Die ist auch der Grund, warum wir vorerst für das Ersatz-Programm 2020 keine weitere Reservierungen nur für Einzelpersonen mehr annehmen. Es geht leider derzeit nicht anders. Sollten die Kartenwünsche unsere derzeitige Kapazität schnell erreichen und spielt die jeweilige Band mit, setzen wir möglicherweise für den gleichen Abend eine zweite Vorstellung an und können somit ein paar mehr Fans das Konzert genießen lassen. Update: bei den Konzerten von Colour Haze, Bounce und Welthits auf Hessisch steht jetzt schon fest, dass wir zwei Vorstellungen machen werden, jeweils einmal um 19 Uhr und einmal um 21.15 Uhr.

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Ganz wichtig! Vorerst werden wir alle Veranstaltungen unter folgenden, pandemiebedingten Auflagen und Einschränkungen durchführen und müssen Euch alle bitten, diese Punkte zu berücksichtigen:
Mit Betreten des Colos-Saal versichert der/die KonzertbesucherIn sich in den zurückliegenden 14 Tagen nicht in einem Risikogebiet aufgehalten zu haben und keinen Kontakt zu mit Covid 19-infizierten Personen gehabt zu haben. Zudem werden Personen mit Erkältungssymptomen gebeten, nicht am Konzert teilzunehmen.
Es besteht Maskenpflicht an der Kasse, auf dem Weg an die Theke, auf dem Weg zur Toilette und zurück, sowie beim Anstehen am Einlass. Am Platz kann die Maske während des Konzertes abgenommen werden.
Mindestabstand einhalten, auch beim eventuellen Schlangestehen vor dem Konzert sowie Anstehen an Theke und WC.
Wir erfassen über unser Reservierungssystem Namen, Mailadresse und Telefonnummer derjenigen, die für ihre Gruppe Karten reservieren. Wer für andere mitbestellt, muss in der Lage sein, die Kontaktdaten seiner Begleiter nennen zu können (Kontaktpersonennachverfolgung).
Die Händehygiene ist möglich durch Desinfektionsmittelspender im Eingangsbereich, im Saal, im Thekenbereich, vor und in den Sanitäreinrichtungen.
Jeder Gast hat einen Sitzplatz, den er zugeteilt bekommt. Ein Wechsel des Sitzplatzes ist nicht möglich. Die Stühle müssen am Platz bleiben und dürfen nicht verstellt werden. Alle Corona-Konzerte bei uns sind vollbestuhlt.
Bei einem Teil der Konzerte handelt es sich um Doppelkonzerte. Das Publikum der ersten Show wird dringend gebeten unmittelbar nach Konzertende den Saal zu verlassen, um dem Personal Zeit zu geben die Vorbereitungen für die zweite Show zu treffen.
Ein wichtiger Hinweis, besonders relevant für die Rauchenden: Wir können leider im Moment keinen Wiedereinlass wie üblich gewähren. Wir müssen “Gegenverkehr” im Eingangsbereich unterbinden und können euch auch aus hygienischen Gründen nicht Stempeln.
Zur Sicherheit aller Beteiligten bitten wir eindringlich darum, diese Regeln zu befolgen. Diskussionen um Sinn oder Unsinn dieser Regelungen sind zwecklos, weil sie uns derzeit so gesetzlich vorgegeben sind. Bei Zuwiderhandlungen muss das Colos-Saal Team vom Hausrecht Gebrauch machen.

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Unser Kommentar dazu:

Knallhart und knochentrocken weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass trotz dieser colos-saalen Miniaturplanung und trotz gewissenhafter Organisation unsererseits alles auch schief gehen kann, denn nach wie vor bestimmen das politische Handeln und das Ringen um die richtige Strategie der Pandemiebekämpfung das Schicksal der Konzertbranche und damit auch unsere Zukunft.

Wirtschaftlich wäre es eindeutig sinnhafter, wir würden den Colos-Saal geschlossen halten, denn unsere Firma mit 15 Festangestellten kann mit diesen „Lockerungen“, die nach viereinhalbmonatiger Zwangspause nun gewährt werden, keinen Cent verdienen, wie ich sicher nicht näher erklären muss. Diese 8 Konzerte werden bezuschusst, wenn wir Pech haben entweder aus unseren eigenen Mitteln, oder von Bund und Land, wenn die angekündigten Hilfsprogramm denn irgendwann auch tatsächlich greifen.
Ohne eine öffentliche Spielstättenförderung privatwirtschaftlich geführter Betriebe wird nämlich nach diesem historisch nie dagewesenen Lockdown gar nichts mehr gehen, nicht nur bei uns, sondern in der kompletten Konzertbranche. Lasst mich exemplarisch am Colos-Saal erklären, was hinter den Kulissen vorgeht. Doch vorab: Warum machen wir diese Konzerte, obwohl sie sich nicht rechnen?

Das Wichtigste ist, Euch ein Lebenszeichen zu geben. Der Colos-Saal existiert und das komplette, festangestellte Team ist noch an Bord. Das ist das Signal. Wir beenden für Euch und für uns den Stillstand und versuchen soviel Programm zu retten, wie möglich. Wir fühlen uns auch insbesondere den vielen Spendern und Musikfreunden unter Euch verpflichtet, die uns geholfen haben, überhaupt so langewirtschaftlich durchzuhalten. Außerdem kennen wir die Not der Künstler und können wenigstens einigen zu Auftritten und Gagen verhelfen. Und nicht zuletzt ist das Bayerische Spielstätten-Rettungsprogramm auch so zu verstehen, dass nur diejenigen Venues berücksichtigt werden, die den Betrieb wieder aufnehmen, auch wenn das bei unserer Größenordnung bedeutet, weitere Verluste in Kauf zu nehmen. Absurd, oder?

Etwa 24 Konzerte plus drei Parties waren im September 2020 bei uns geplant, zum Großteil bereits im Vorverkauf. Ein tiefer Blick auf colos-saal.de zeigt Euch ja deutlich, dass die meisten Veranstaltungen mittlerweile verschoben, manche sogar komplett abgesagt wurden. Ursächlich daran ist vor allen Dingen, dass es keine langfristige Perspektive der Politik für die Veranstaltungsbranche und somit keinerlei Planungssicherheit gibt. Im Gegenteil, seit Mitte März wurde unsere Branche alle vierzehn Tage mit weiteren Verlängerungen der Verbote oder neuerdings mit unpraktikablen „Lockerungen“ versehen und verunsichert, die auch noch in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich ausfallen.

Nur damit ich richtig verstanden werde: Unser Team hat volles Verständnis dafür, dass wir es weltweit mit einem lebensgefährlichen Virus zu tun haben und wir akzeptieren die Tatsache, dass große, dichte Menschenansammlungen, die bei Konzerten aus unseren Genres nunmal entstehen, im Moment noch nicht denkbar sind. Wir wollen auf keinen Fall für ein zweites Ischgl verantwortlich sein. Was wir überhaupt nicht verstehen ist die Tatsache, dass die Politik nach 5 Monaten immer noch nicht eindeutig sagt, dass es 2020 nichts mehr wird mit normalem Konzertbetrieb, so wie wir ihn aus der Zeit vor dem März dieses Jahres kennen. Sie gibt auch keine Zielmarke beispielsweise für 2021 vor, ab der es wieder zum Regelbetrieb kommen könnte. Damit werden sämtliche Spielstätten und Künstler völlig verunsichert genau so, wie die Millionen von Konzertbesuchern in unserem Land, von denen sich die meisten bereits mit Tickets für 2020 vor dem Lockdown eingedeckt haben.

Bald ein halbes Jahr dauert diese Unsicherheit nun an und es ist absehbar, dass das Ende noch lange nicht in Sicht ist. Die Folgen davon werden Tag für Tag komplexer. Als da sind: Tourneen internationaler Künstler werden alle abgesagt, weil es neben den Veranstaltungsverboten auch Reiseverbote und unterschiedliche Quarantänebestimmungen in den einzelnen Staaten, mittlerweile auch in den deutschen Bundesstaaten gibt. Selbstverständlich wollen alle Beteiligten die Konzerte nachholen und suchen nach Ausweichterminen in 2021, obwohl Niemand so genau wissen kann, ab wann welche neuen Lockerungen gelten oder ein Normalbetrieb wieder denkbar sein wird. Weltweit wird daher ins Blaue geplant, ziemlich verzweifelt, denn der Konzertbranche geht finanziell die Luft aus – etliche Beteiligte haben bereits aufgegeben oder insolvent.

Auch alle deutschen Acts haben nach und nach den Glauben verloren und die Flucht ergriffen, ihre Tourneen verschoben, einige Tourneen ersatzlos abgesagt. Alle gut verkauften Konzerte können trotz Lockerungen nicht stattfinden, weil es die massiven Kapazitätseinschränkungen gibt und die Bands erhebliche Verluste statt Einnahmen durch die Tourneen fürchten. Im Colos-Saal mussten wir sogar alle besonders gut verkauften Shows absagen, weil wir die Kartenbesitzer aufgrund der Kapazitätseinschränkungen ja gar alle nicht einlassen könnten. Am Ende hätten wir Veranstalter im Nachhinein entscheiden müssen, wer von den Kartenkäufern rein darf und wer draußen bleiben muss und sein Geld zurück erhält. Undenkbar!

Natürlich mussten auch alle Veranstaltungen ausfallen, die sich aufgrund der eingeschränkten Einnahmemöglichkeiten für die Künstler und ihren Aufwand nicht rechnen – aufwendige Tourneeproduktionen bleiben daher zuhause. Mit anderen Worten: Unwägbarkeit, Unplanbarkeit, Unsicherheit allerorten – kein Ende in Sicht.

Auch wenn ich mich wiederhole: Es ist für mich absolut absurd, dass die Politik sich nicht ein Stück weit ehrlich macht und es nun schon Monate unterlässt, klar zu erklären, dass es so etwas, wie einen normalen Konzertbetrieb dieses Jahr und möglicherweise auch 2021 nicht mehr geben wird. Angesichts der Lage wird es nämlich darauf hinaus laufen. Ich persönlich hatte das bereits öffentlich Ende April vorausgesagt. Damit wäre zumindest eine klare Planungssituation für den Rest des Jahres gegeben gewesen. Wir tappen aber weiterhin alle im Dunklen und haben keinerlei Sicherheit. Aber vielleicht scheuen Merkel, Söder und Co. die Konsequenzen, denn zigtausend Arbeitsplätze und hunderte Betriebe im Veranstaltungsgewerbe sind gefährdet und wenn die Kultur in diesem Land nicht einen irreparablen Schaden erleiden soll, müssen zwingend und schnell finanzielle Hilfen bzw. Rettungsprogramme kommen und nicht nur angekündigt werden.

Da sind nun einige in Sicht, aber die Verfahren laufen erst an, sind kompliziert, finanziell gedeckelt, kommen für etliche Teilnehmer jetzt schon zu spät und noch gibt es keine Erfahrungen, ob sie denn auch bei den Richtigen ankommen. Das Hilfsprogramm aus dem Bundeswirtschaftsministerium scheint für unsere Branche zu kurz angesetzt zu sein, denn es gilt nur für Juni bis August. Das bayerische Programm ist da ein Stück weit ehrlicher, denn es signalisiert Unterstützung für die Monate Juli bis Dezember(sic!). Söder und Co. wissen also mehr. Bei der Vielzahl der Betroffenen scheint es mir allerdings erheblich unterfinanziert und das Windhundprinzip wird zeigen, dass da etliche leer ausgehen werden. Zwei weitere Hilfsprogramm, die für die Kultur signalisiert wurden, sind heut noch nicht einmal so weit, dass es dafür Antragsverfahren gibt. Alles offen somit. Die Spannung will nicht aufhören.

Meine Prognose: Auch 2021 wird es massive Einschränkungen des Normalbetriebs in der Kultur geben und somit kommt es entweder zur völligen Vernichtung der Branche und ihrer Arbeitsplätze, oder es gibt weitere Milliarden Hilfsgelder aus der staatlichen Gelddruckerei. Alles andere ist mittlerweile eine Illussion.

Trotz dieses ungeschönten Lageberichts aus dem Colos-Saal sind wir froh, wenigstens für zwei Monate einen Plan zu haben und freuen uns sowohl auf die Künstler, als auch auf das Publikum im September und Oktober. Was den Rest des irren Konzertjahres 2020 angeht, müssen wir Euch weiterhin um Geduld bitten, denn noch wissen wir es nicht so genau. Aber wir werden Euch über unsere Kanäle rechtzeitig informieren.

Claus Berninger
für das Colos-Team

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Um das Geschehen im Colos-Saal seit März 2020 zu dokumentieren, lassen wir hier noch unsere älteren Meldungen seit Beginn des Lockdown zum Nachlesen stehen. Am besten, Ihr lest sie bei Interesse von unten nach oben.

Aschaffenburg, 24. Mai 2020: Nach 70 Tagen Lockdown, vom Virus und der Politik erzwungen, hat der Colos-Saal nun die Nase voll und entscheidet selbst: Der Club bleibt bis zum 31.8.2020 definitiv geschlossen. Alle geplanten Konzerte für Frühjahr und Sommer sind verschoben oder komplett abgesagt. Mehr als 70 Veranstaltungen sind bislang ausgefallen. Etwa 50 weitere waren im Sommer bis Ende August noch geplant. Wir haben aber nach wie vor keine Rechtssicherheit bezüglich der Frage, wann wir denn die Arbeit wieder aufnehmen können und werden sie auch in absehbarer Zeit nicht erhalten. Daher steigen wir vorerst aus, machen eine Pause und warten die weitere Entwicklung ab.

Aber gestattet uns einen (langen) Kommentar zu dieser Situation:
Es macht einfach keinen Sinn mehr, alle 14 Tage auf die nächste Pressekonferenz in Berlin oder München zu warten, in der unerfüllten Hoffnung auf eine maßgebliche Ansage, wie es denn in der Konzertbranche weiter gehen soll, denn am Tag danach konnten wir jedes Mal wieder die nächsten zwei Wochen des Programms absagen. Es gibt für die Clubs keinen wirklichen Plan der Politik, die weiterhin nur auf Sicht fährt und sich über Lockerungen ziemlich uneinig ist.

Wie simpel wäre das Leben, wenn man ein aluhuttragender Coronaleugner wäre? Man könnte heftig auf „die da oben“ eindreschen, scharf gegen alle Einschränkungen des öffentlichen Lebens protestieren, gegen das Herunterfahren der Wirtschaft auf die Straße gehen und richtig Dampf ablassen, dabei jede Menge Schuldige anklagen. Aber so einfach ist das ja alles nicht. Das Virus ist nicht verschwunden, sondern bleibt gefährlich. Kein Wunder, dass Kanzleramt und die Ministerpräsidenten herumeiern und –irren. Keine/r will die Verantwortung für ein weiteres Ischgl tragen.

Einzelne Bundesländer signalisieren sogenannte Lockerungen für die Kultur. In Hessen können seit dem 9. Mai Theater, Opern- und Konzerthäuser wieder öffnen, ab 30. Mai auch die Kinos. In Mecklenburg-Vorpommern sind seit 11. Mai Galerien, Ausstellungen, Museen und Gedenkstätten wieder zugänglich. In Rheinland-Pfalz dürfen ab Ende Juni Veranstaltungen mit bis zu 150 Personen stattfinden - selbstverständlich alles unter dem Vorbehalt von Hygienemaßnahmen, Erfassung der Teilnehmer und Einhaltung der Abstandsregeln. Der thüringische Ministerpräsident will sogar ab 6. Juni sämtliche Coronabeschränkungen aufheben. Bayern blockt dafür komplett, öffnet vorerst nur Biergärten und Gaststätten. Welch ein heilloses Durcheinander!

In der Welt der geförderten Kultur, in den Museen, Theatern und Opernhäusern wird tatsächlich ernsthaft darüber nachgedacht, den Betrieb unter Beachtung aller Einschränkungen wieder aufzunehmen und dabei die meisten Plätze freizulassen, um die Abstandsregeln hinzukriegen. In der privatwirtschaftlich organisierten Kulturwelt aber, zu der der Colos-Saal und hunderte andere Live-Music-Clubs, aber auch etliche Kabarett- und Kleinkunstbühnen gehören, wäre das finanzieller Selbstmord, ganz abgesehen von der Frage, wovon die zigtausend Künstler und Veranstaltungstechniker überhaupt noch leben könnten, die auf die Spielstätten als temporäre Arbeitsplätze angewiesen sind, wenn es aus Live-Veranstaltungen nichts mehr zu verteilen gäbe. Immerhin ist gerade den Musikern der Tonträgermarkt durch Streaming Dienste bereits vor Jahren zusammengebrochen, was nur durch Tourneen und mehr Konzerte kompensierbar war.

Aber viel wichtiger noch ist die Frage: Geht das überhaupt? Rock und Pop unter Hygienemaßnahmen, mit Mundschutz und Abstandsregeln? Wer kann sich diesen Cultural Clash denn ernsthaft vorstellen? Diese beiden Genres verbinden die Menschen und führen zu emotionalen Gemeinschaftserlebnissen. Wir kommen zusammen, um Musik sinnlich zu erleben, wir bewegen uns, tanzen, rocken ab. Wir feiern die Musik und die Künstler gemeinsam, wir reagieren mit unseren Körpern auf Lautstärke und Dynamik, im besten Fall werden wir im Publikum für ein paar Stunden zu einer einzigen Woge der Gemeinschaft. Wir treffen uns mit Freunden und Gleichgesinnten auf den Konzerten, gehen gemeinsam aus, wollen Menschen kennenlernen. Wir bringen Menschen zusammen und gerade die Live-Clubs (aber auch die Diskotheken und Bars) existieren überwiegend genau zum gegenteiligen Zweck, nämlich eigentlich um die derzeit propagierte Social Distance zu überwinden.

Körperliche Nähe von Menschen und durchfeierte Nächte sind ja nicht nur Begleiterscheinung, sondern eigentlich Quintessenz des popkulturellen Nachtlebens. In einem gemeinsamen offenen Brief formulieren die Betreiber von über 30 Musikclubs in Deutschland es folgendermaßen: Clubs seien "kollaborativ gestaltete Räume konkreter Körperlichkeit", die im Rahmen von Veranstaltungen mit musikalischen Programmen bespielt werden. Der sozio-kulturelle Habitus, das gemeinsame Tanzen und Feiern sowie die Kommunikation in diesen geschlossenen Räumen würden bei Einhaltung der behördlichen Verordnungen fehlen und den Veranstaltungen damit den Reiz nehmen. Auch Konzerte leben von Nähe und dem gemeinsamen Erleben des Bühnengeschehens. „Außerdem ist das Spielen eines Konzertes oder einer Show mit Abstandsregeln für Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne kaum durchführbar."

Nein, so funktioniert das alles nicht, denn es passt nicht zusammen. Rock `n`Roll vor leeren Reihen unter sterilen Bedingungen ohne Körperkontakt ist für das Colos-Saal-Team auf Dauer nicht vorstellbar. Es wäre das Gegenteil dessen, weshalb wir alle unsere beruflichen Leidenschaften im Musikzirkus gefunden haben. Ein packendes, ergreifendes und emotionales Konzerterlebnis ist für die meisten unserer Programminhalte essentiell und unabdingbar für die Art Kultur, die wir mit dem Colos-Saal repräsentieren.
Es funktioniert so nicht und es darf andererseits aber auch nicht passieren, dass die Konzertereignisse zu gefährlichen Infektionsherden werden. Ein Widerspruch, der für uns derzeit nicht lösbar ist. Wir würden nichts lieber, als sofort wieder weiter arbeiten. Aber sowohl die Eigenverantwortung als auch die politischen Reglementierungen verbieten es uns. Es bleibt vorerst nur der Wartezustand.

Wir sorgen mit dieser Entscheidung, bis Ende August zu pausieren, für Klarheit bei unseren Besuchern und für eine Pause angesichts des chaotischen Zustands, in dem sich die komplette Konzertbranche derzeit befindet. Hinter den Kulissen geht es rund. Bereits Anfang März war die Unsicherheit aller Beteiligten sehr groß, als die einzelnen Bundesländer urplötzlich größere Veranstaltungen unterbanden, kleinere aber noch zuließen. Das war für die bekannteren Acts bereits der Todesstoß für ihre Tourneen, sofern sie sowohl in größeren Hallen als auch in Clubs spielten, denn ihre Konzertreisen, monatelang vorgeplant und mit etlichen Vorschüssen an Arbeit und Geld vorbereitet, gingen auf einmal nicht mehr auf.

Gleichzeitig machten etliche Länder nach und nach ihre Grenzen dicht und die international tourenden Acts kamen überhaupt nicht mehr an ihren Spielorten an. Bayern veröffentlichte am 16. März die Allgemeinverfügung, die sämtliche Veranstaltungen verhinderte. In ganz Deutschland wurde versucht, noch anstehende Tourneen und Konzerte zu retten, in dem man sie aus dem März und April in den Sommer legte und sämtliche Konzerttermine verschob. Die Spielstätten hatten urplötzlich keine Einnahmen mehr bei weiter laufenden Kosten, mussten schließen und hatten trotzdem massiv viel Arbeit mit der Terminumplanung und den entsprechenden Informationen an Kartenkäufer und Medien. Die großen Ticketsysteme kamen spätestens mit der Absage aller Festivals überhaupt nicht mehr nach und setzen möglicherweise mangels Liquidität auf die Gutscheinlösung. Künstler, Techniker, Produktionsfirmen, Bühnenbauer, Agenturen, Konzertveranstalter haben keinerlei Einnahmen mehr, dafür umso mehr Rückzahlungspflichten wegen der Ausfälle. Erste Insolvenzen gab es schon, weitere werden folgen.

Gab es im März und April noch die Hoffnung der Branche, wenigstens im Sommer irgendwie weiter machen zu können, platzt diese Illusion von Woche zu Woche erneut in Endlosschleife und mittlerweile werden Veranstaltungen bereits zum zweiten und dritten Mal verschoben. Wer noch Hoffnung hat, verschiebt vom Sommer auf Herbst und Winter 2020. Viele Teilnehmer trauen diesem Jahr aber gar nicht mehr und suchen Ihr Glück in der Flucht ins kommende Jahr. Ein Blindflug ohne Orientierung der gesamten Konzertbranche nach dem Prinzip Glaube und Hoffnung.

Nun ist das Konzertgewerbe ein Zweig, der eigentlich von akribischer Vorplanung lebt. Monate, manchmal Jahre im Voraus werden Spielstätten gebucht, wird investiert, wird Werbung geschaltet, wird Personal angeheuert, wird Geld ausgegeben, wird Erwartung geschürt, werden Karten verkauft. Aber es gibt nun mal seit 10 Wochen keine funktionierende Planung mehr, weil alle in einem Zustand der Rechtsunsicherheit arbeiten müssen. Außerdem sind die Fans ja nicht doof. Im ganzen Land wird berichtet, dass es fast gar keine Ticketverkäufe mehr gibt. Die Millionen potentieller Besucher der Events sind genau so verunsichert, einerseits wegen der Frage, ob man in nächster Zukunft überhaupt ohne Gefahr für die Gesundheit Veranstaltungen besuchen kann, andererseits darüber, ob angekündigte Ereignisse der nächsten Monate denn überhaupt stattfinden werden oder ob der jeweilige Veranstalter seine angekündigten Events überhaupt noch finanzieren und realisieren kann.

Eine Branche mit zigtausenden Beschäftigten wird realistisch gesehen mindestens ein halbes Jahr aussetzen müssen, bundesweite Tourneen wird es vorerst nicht geben, internationale sind aufgrund der unterschiedlichen Reisebedingungen in den einzelnen Staaten nicht organisierbar. Viele Akteure der Szene befürchten sogar, dass es noch wesentlich länger dauern wird. Manche bangen, in 2020 gar keine Konzerte mehr zu erleben können. Alle wissen, dass der Wiedereinstieg ins Veranstaltungsgeschehen in weiter Ferne liegt und sehr mühsam werden wird. Alle wissen, dass ein großer Teil der Branche das nicht überleben wird. Alle wissen, dass es hinterher viele Spielstätten nicht mehr geben wird. Hat es solch einen Blackout, eine solch lange Zwangspause in einer anderen Branche schon mal gegeben?

Der Colos-Saal zieht nun die Reißleine und richtet sich auf einen langen Break ein. In dieser Gemengelage ist seriöse Planung nicht mehr leistbar. Wir können nicht irgendwann im Sommer einfach öffnen, denn unser Programm ist wie oben beschrieben zusammengeschmolzen wie Eis in der Sonne und das potentielle Publikum ist stark verunsichert. Wir brauchen Planungsvorlauf zur Wiedereröffnung, ein klares Datum, werden es aber so schnell nicht kriegen.

In der Coronakrise haben viele Menschen täglich dazu gelernt und mittlerweile haben sie auch gelernt, dass bislang Undenkbares ganz schnell passieren kann – das Herunterfahren des kompletten öffentlichen Lebens, der Wirtschaft und der Bildungseinrichtungen, das Vorhandensein bislang ungeahnter Milliardenreserven des Staates, das Tragen von Gesichtsmasken als Normalzustand, Verschwörungstheorien als alternative Fakten, um ein paar Beispiele zu nennen.

Vielleicht lernen wir als Gesellschaft im kommenden Sommer weiterhin so schnell dazu und finden einen Weg, besser nicht in eine neue Normalität, sondern zurück in ein Leben in Gemeinschaft - ohne soziale Distanz als erklärtes Allheilmittel. Nur dann werden Rock und Pop auch wieder auf die Bühnen zurückkehren. Der Colos-Saal hat vor, seinen Stillstand ab September zu beenden und wieder Programm anzubieten. Ob es auch durchgeführt werden kann, können wir derzeit nicht garantieren.

Claus Berninger für das Colos-Saal-Team

PS: Online bleiben wir natürlich weiterhin am Ball und melden uns gelegentlich zu Wort – außerdem bereiten wir einige Konzertstreams vor.

PPS: Mittlerweile ist es Anfang August und die Situation hat sich noch nicht verändert.

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Folgenden Artikel hatten wir seit 24. April bis zum 25. Mai hier an dieser Stelle stehen. Wie Ihr seht ist über ein Monat vergangen, ohne dass sich unsere Situatuon in irgendeiner Weise verändert hat.

Konzerte im Chaos - ein Statement zur aktuellen Situation

Da sitzt er da, der Autor dieser Zeilen und schaut aufs Kalenderblatt. Das zeigt den 24. April 2020 und kein Mensch in diesem Land weiß heute, wie es mit der Musik- und Kulturszene insgesamt weitergehen soll. Das führt zu der absurden Situation, dass wir hier noch ein Mai- bzw. Sommerprogramm online haben, von dem wir aber wissen, dass es mit ziemlicher Sicherheit nicht stattfinden wird.

Warum? Seit 16. April schwirrt das Wort „Großveranstaltungen“ durch die Medien und durchs Netz. Die sind nämlich laut Bundesregierung bis 31. August dieses Jahres verboten. Während in den Tagen danach die fieberhafte Debatte in der Szene ausbrach, was dieses ominöse Wort denn nun hinsichtlich der erlaubten Besucherzahlen bedeutet, hagelte es gleichzeitig die Absagen aller europäischen Musikfestivals, die nun wussten, was auf sie zukommen wird.

Für alle kleineren Venues, von den Kleinkunstbühnen bis hin zu den Musikclubs, gibt es bislang keinerlei Aussage, was sie denn nun ab 25. Mai können, sollen, dürfen, müssen, wenn wie seit gestern bekannt, Restaurants wieder öffnen dürfen. Nichts! Völlige Unklarheit, keine gesetzliche Regelung, keine Planungssicherheit, denn Clubs und Spielstätten müssen auch darüberhinaus geschlossen bleiben. Die Regierung schiebt die Verantwortung seither auf die einzelnen Bundesländer, die entscheiden sollen. Aber da kommt nichts außer etlichen, praxis- und weltfremden Ideen. Vertreter aus den Bundesländern spekulieren locker und leicht vor sich hin, ob die Schmerzgrenze für „Großveranstaltungen“ möglicherweise bei 1000, bei  500, bei 100 oder sogar bei 50 Besuchern beginnt. Außerdem habe ich zunehmend den Eindruck, dass sich in dieser Frage kein Politiker festlegen will, denn der Proteststurm der Kulturwelt wird gewaltig sein, wenn das eintritt, was nicht nur ich befürchte. Es droht ein gewaltiges Bühnensterben mit ebenso gewaltigem Kulturverlust in unserem Land.

Das Virus wütet weiter. Wir müssen weiter social distance halten. In den letzten Tagen reden führende Politiker von der „neuen Normalität“, auf die wir uns einstellen müssen, so als hätte man eine gemeinsame Sprachregelung. Und nun denkt der Claus halt mal laut nach und sagt sich, wenn es um die Ansteckungsgefahren geht, dann lässt es sich doch gar nicht verleugnen, dass man in einer Spielstätte wie dem Colos-Saal schon mit 150 Besuchern keinen Mindestabstand mehr halten kann, währenddessen sich das in einer großen Stadthalle vielleicht sogar noch mit 600 Besuchern sogar ohne Infektionsgefahr darstellen ließe.

Das wird irgendwann auch den Regierenden in Bayern und Berlin aufgehen, je mehr sie darüber nachdenken. Daher wäre es ziemlich schwachsinnig, Besucherzahlen für das ganze Bundesland als Maßstab für Veranstaltungsgenehmigungen auszugeben. Es wird früher oder später individuelle Regelungen für die einzelnen Spielstätten geben und da ich nicht blauäugig bin, weiß ich, dass der Colos-Saal sicher bei den Verboten dabei sein wird, die für Großveranstaltungen gelten, so klein wir auch im Vergleich sind.

Ich weiß es, das Colos-Saal-Team weiß es und die komplette Branche befürchtet es, sind doch jetzt schon Konzerttermine aus März und April, die ausfallen mussten, offiziell in den Juni und Juli verschoben, während hinter den Kulissen bereits zweite Ausweichtermine für die gleichen Bands im neuen Jahr gesucht werden, weil einfach nichts mehr sicher planbar ist. Das Konzertbusiness im totalen Chaos eben, den Kleinkunstbühnen geht es nicht viel besser.

Daher: habt bitte viel Geduld mit dem Colos-Saal. Wir können an dieser Situation derzeit nichts ändern. Die Newsmeldung „Corona Virus und die Folgen: Programmänderungen“ auf dieser Seite ist für alle, die bereits Karten für Veranstaltungen haben, die ausfallen mussten oder noch ausfallen werden, im Moment die wichtigste Quelle, um zu erfahren, was für die jeweilige Veranstaltung gilt.

Die Veranstaltungsverbote in Bayern gelten derzeit nur bis einschließlich 25. Mai. Was danach auf uns alle zukommt, ist derzeit völlig unklar.

Was aber klar ist: Die Politiker werden für die privat geführten Kulturbühnen unbedingt noch ein Sonderprogramm zur Rettung entwickeln müssen. Selbst die bestens geführten Unternehmen der Branche werden es nicht schaffen, ein halbes Jahr oder noch länger ohne jeglichen Einnahmen auszukommen.

Claus Berninger, Geschäftsführer Colos-Saal

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